Ich finde das krass und beschämend von unserem Qualitätsjournalismus, falls man diesen als Qualität bezeichnen möchte. Da passiert auf der Loveparade in Duisburg ein schreckliches Unglück und hinterher wollen es alle gewusst haben. Spontan fallen dann in den Berichterstattungen Dinge wie Internierungslager, Ballermannisierung und andere Dinge, um mal einige Beispiele zu nennen.
Komischerweise haben viele Journalisten auch nach dem offiziellen Pressetermin noch von der geilsten Megasause des Jahres hinweg über jegliche Landesgrenzen gesprochen. Kaum einer der mitunter peinlichen Schreiberlinge hat Bedenken geäussert und die Vorberichterstattung war praktisch durchweg positiv.
Doch ist das Kind dann in den Brunnen gefallen und die Katastrophe da, dann machen die Zeitungen kräftig Kasse damit weil sich die Ausgaben dann besonders gut verkaufen. Ist ja klar, man wusste es ja schon vorher nur hat kaum einer darüber geschrieben.
Auch all die Experten die jetzt immer wieder betonen, sie hätten vorher schon Bedenken angemeldet, warum haben es genau diese Experten nicht lautstark in die Welt hinausgetragen und das vor der “Parade” ? Angst vor Konsequenzen kann man ja wohl nicht gehabt haben.
Fragen über Fragen aber es liegt wohl in der Natur vieler sogenannter Journalisten, immer genau das zu schreiben, was der Auflage gerade dienlich ist. Dabei hat mich auch nicht gewundert, als das Springersche Schmierblatt zunächst ekelhafte Bilder online gestellt hatte, die später wieder verschwanden. Zum einen ist es genau das, warum viele genau diese Gossenzeitung jeden Tag kaufen und zum anderen gehört es dort zum guten Stil, völlig danaben über das Geschehene zu berichten. Da wird dann plötzlich ein Augenzeuge, der Ordner gewesen sein soll, aus dem Hut gezaubert, mit Bild, welches auch das Bild eine Aussteigers aus der rechten Szene sein könnte oder eines Hools, der nicht erkannt werden will. Ganz nach dem Motto : Bild sprach mit den Toten. Das ist auch das kuriose an der Bild, keiner kauft sie aber viele wissen was drin steht.
Die Art der Berichterstattung und diese “Ich habs gewusst” Mentalität ist einfach nur ekelhaft.

Es gibt eine interne Regel, die lautet: “Folge dem Blut, das auf der Strasse klebt”. So viel zum “Qualitäts”journalismus.
So eine Regel ist mehr als ekelhaft aber offensichtlich lassen sich manche Schmierblätter auf andere Art nicht mehr verkaufen.
Als ich vor vierzig Jahren in der Branche angefangen habe, galt noch “Sex sells” als goldene Regel. Inzwischen gibt es stärkere “Hebel”.
Das wirklich schlimme an der Sache finde ich, daß manchen Journalisten gar nichts Besseres hätte passieren können wie die Katastrophe in Duisburg. So sind die Absatzzahlen weitaus länger gesichert als wenn alles seinen geordneten Gang gehabt hätte.
Ich will nicht beschönigen, doch sind auch die Journalisten nicht immer die Bösen; diejenigen, die auflagengeil sind. Sie werden nicht selten auch vom Chefredakteur o.ä. dazu angehalten, in eine bestimmte Richtung zu schreiben.
Zu deiner Frage, warum die Bedenken der Experten scheinbar nicht in den Medien stattgefunden haben: Es kann daran liegen, dass sie einfach nicht zur positiven Berichterstattung passten. Dann werden sie von Journalisten auch gern ignoriert oder werden vom Chefredakteur im Redigat wieder gestrichen. Ich weiß nicht, ob dies der Fall war, doch möglich wäre es. Daher solltest du vielleicht auch ein bisschen die Pferde ruhig halten.
Andererseits hast du natürlich Recht, dass die Auflagen durch Katastrophen besser gesichert sind als durch perfekt laufende Veranstaltungen. Es ist morbide und ekelhaft, doch man muss daran arbeiten statt es einfach nur zu verteufeln.
Angestellte Redakteure und deren feste und freie Mitarbeiter sind IMMER angehalten, den Weisungen ihrer jeweiligen Chefredaktion zu folgen, die wiederum vom Verleger als Kapitän ausgesucht wird, um das Schiff auf dem gewünschten Kurs zu halten. Da unterscheidet sich BLÖD nicht von FAZ oder TAZ.
Jeder, der für ein bestimmtes Blatt schreibt weiß das genau, und er WILL möglichst weit oben auf diem eingeschlagenen Kurs mitschwimmen. So gesehen ist jeder “auflagengeil”, denn wer will schon für die Tonne schreiben … Eine Entschuldigung für Kollegen, “der da oben” hätte sie angewiesen, dieses oder jenes zu schreiben bzw. zu unterlassen, kann ich als Berufsschreiber deshalb nicht akzeptieren. Dass Hinaufdelegieren von Schuld ist vielleicht ein speziell im deutschen Sprachraum gern verwendetes Verfahren, aber es entschuldigt tatsächlich nichts und niemanden.
So lange es Leser gibt, die nach Blut gieren, wird es Medien geben, die diesen Trieb bedienen. Hier gibt es höchstens die Möglichkeit, auf die Einhaltung minimaler ethischer Normen zu pochen. Der Dt. Presserat versucht dies ansatzweise, doch sein Einfluss scheint derzeit offenbar bescheidener denn je.
@Ruprecht: Dem ist wohl leider so, daß es immer mehr Medien gibt, die die Sensationslust der Massen versuchen zu befriedigen und es ist erfrischend, von einem Journalisten wie dir Worte zu hören, daß es Leute in der Branche gibt, die dieses Vorgehen eben nicht tolerieren. Was nützen Richtlinien des Dt. Presserats, wenn sich kaum einer daran hält.